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„…Ich bin was ich bin. Dazwischen. Ein Widerspruch. Ich bin Jüdin und ich bin keine Jüdin. Ich bin Österreicherin, geboren in Frankreich. Ich möchte in Frankreich leben, aber ich kehre wieder nach Österreich zurück. Ich möchte auswandern, aber ich lebe hier, in Österreich…“

So etwa endete mein Buch „Familientreffen. Eine Spurensuche“, das vor achtzehn Jahren im Picus-Verlag erschienen ist. Wenn ich heute diese Zeilen lese, staune ich über die Hilflosigkeit der offenen Widersprüche. Die Suche nach einer klaren Identität war damals einer der Antriebe, die Geschichte meiner Eltern zu schreiben. Nun erscheint es mir nur folgerichtig, dass es selbst nach fast dreihundert Seiten keine eindeutige Antwort auf diese Suche geben konnte. Die Identitätsfrage ist nicht mehr wichtig. Es lebt sich ganz gut im Widerspruch. Jüdin zu sein (oder auch nicht) stellt kein Problem mehr dar für mich. Was vermutlich in gleichem Maße mit der allgemeinen Bewusstseinsstärkung innerhalb der jüdischen Gemeinden zu tun hat wie mit der selbstverständlich gewordenen öffentlichen Diskussion über die nationalsozialistische Vergangenheit.

Nachdem ich jahrelang zwischen der Wiener Stadtwohnung und dem alten Steinhaus gependelt bin, das ich im ländlichen Burgund erstanden habe, hat sich die Frage des Lebensmittelpunktes von ganz allein geklärt. Landleben? Garten? Das Glück, das ich in der Pflege meines kleinen Gartens, im Blick auf die sanft hügelige Landschaft und im Kontakt mit burgundischen Bauern empfinde, lässt sich durch keine Familiengeschichte erklären, alle meine Vorfahren und Verwandten lebten im städtischen Bereich. Vielleicht löst eben dies neuartige Anderssein Glücksgefühl aus. Vielleicht bedeutet es auch eine Art Heimkehr, in Frankreich Wurzeln – wörtlich – geschlagen zu haben.
Im Frühling 2011 habe ich meine Wiener Wohnung aufgelöst und lebe seither nur mehr in Frankreich.